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Über den Umgang der CDU mit den Grünen
Thesenpapier von Dr. Matthias Zimmer MdB
In der CDU bricht, gerade was das Verhältnis zu den Grünen angeht, periodisch eine Debatte
auf, ob man sich den Grünen nicht zu sehr angenähert habe und mehr die Differenzen
betonen müsse oder ob der Erfolg der CDU gerade darin liege, „grüner“ zu werden und
durch eine freundliche Umarmung grüne Wählerschichten zu gewinnen. Beide
Argumentationslinien scheinen mir zu kurz gegriffen.
Die Grünen sind eine bürgerliche Partei des postmateriellen Lebensmilieus. Die Mitglieder
und Wähler der Grünen haben einen überdurchschnittlichen Bildungsabschluss und
verdienen im Schnitt mehr als die Mitglieder und Wähler der FDP. Sie sind
überdurchschnittlich stark im öffentlichen Dienst vertreten; dies erklärt ihre guten
Wahlergebnisse vor allem in den Städten, in denen öffentliche Dienstleistungen stark
vertreten sind. Die Grünen sind also eine Partei der Satten, Saturierten und Abgesicherten,
die sich einen Lebensstil leisten können, der vorrangig auf Fragen des „guten Lebens“
abzielt: Authentizität, Selbstverwirklichung, kulturelle Reichhaltigkeit, unbedingter Schutz
der Natur und der Lebenswelt.
Aus der Wahlforschung wissen wir, dass die Wanderbewegung zwischen CDU und Grünen
sich in sehr engen Grenzen halten. Eine Strategie, grünes Klientel an die CDU zu binden,
erscheint daher nicht sinnvoll. In der letzten Bundestagswahl bestand das größte
Wechselvolumen zwischen der Union und der FDP bzw. dem Nichtwählerlager, langfristig
auch mit der SPD. Zwischen der Union einerseits und den Grünen sowie den Linken
andererseits ist das Volumen der Austauschbewegung sehr begrenzt. Das bedeutet aber
gleichzeitig, dass CDU und Grüne um unterschiedliche Wählerschichten konkurrieren. Es
macht also keinen Sinn, sich auf das „grüne Spiel“ einzulassen in der Hoffnung, damit
Wählerstimmen ziehen zu können. Die CDU sollte Themen wie etwa die Ökologie aus ihrem
eigenen Menschen- und Weltbild heraus formulieren (etwa: Bewahrung der Schöpfung) und
sich dadurch in der Begründung ähnlicher Anliegen von den Grünen absetzen (und damit
möglicherweise wieder Nichtwähler für sich mobilisieren zu können).
Darüber hinaus sollte die Union sich stärker auf ihre grundwertebezogene Politikbasis
besinnen. Eine der großen Schwächen der Grünen ist das Fehlen eines in sich konsistenten
Menschen- und Weltbildes. Der politische Liberalismus, die Sozialdemokratie und die
Christliche Demokratie sind Ideen, die im 19. Jahrhundert sich formiert haben. Ihnen steht
ein voll ausgebautes Instrumentarium zu Gebote, das Auskunft über Werthorizonte zu geben
vermag und damit auch zur Berechenbarkeit politischen Handelns. Den Grünen fehlt dieser
Werthorizont. Sie sind keine im Grundsätzlichen verwurzelte Partei, sondern tragen immer
2
noch das Geburtsmal der Opposition und des Protestes in sich. Im Regierungsfall werden
dann ganz pragmatisch scheinbar eherne Überzeugungen geopfert. Pragmatischer
Opportunismus geriert sich dann als staatsmännische Weisheit. Die einstmals pazifistische
Partei zieht dann 1999 unter ihrem Außenminister Fischer im Kosovo in einen völkerrechtlich
bedenklichen Krieg, dem es an der Legitimierung durch die Vereinten Nationen fehlt. Castor-
Transporte sind, unter einem grünen Umweltminister Trittin, von grundsätzlich andere
Qualität und dürfen nicht durch Sitzblockaden verhindert werden. Oder, in einer besonderen
Form der Dialektik, werden auf Bundesebene genau jene alternativen Energieprojekte
gefordert, die vor Ort von der gleichen Partei verhindert werden.
Im Ursprung haben die Grünen sich gespeist aus diffuser Technikkritik, romantischer
Naturmystik und einer Opposition gegen Aspekte der industriellen Moderne. Sie haben eine
Position im politischen Systems besetzt die damals von den etablierten Parteien durch zu
viel Technikgläubigkeit und eine Ideologie des Machbaren verwaist war. Ein Teil der Kritik
der Grünen hätte durch ein „hörendes Herz“ in der Union abgefangen werden können;
gerade die Warnungen vor der Zerstörung der Erde durch die Raubbau treibende Form
industrieller Produktion, wie sie etwa Herbert Gruhl vorgetragen hat, sind heute in der
Union anschlussfähig. Die Grünen wurden unter den Generalverdacht des Abschieds aus der
industriellen Moderne gestellt und damit die positiven Denkansätze mit diskreditiert.
Mittlerweile ist aus der Opposition der Grünen ein eigener Lebensstil geworden. Auf der
Basis geregelter und gesättigter Lebensentwürfe wird die grüne Lebensweise zu einem
Luxuslifestyle. Der Verzicht wird gepredigt auf dem Niveau der Sättigung, der alternative
Lebensstil praktiziert auf dem von anderen produzierten Sozialprodukt. So fällt der Verzicht
auf Motorisierung dort leicht wo es eine gut ausgebaute Infrastruktur des öffentlichen
Personennahverkehrs gibt; der demonstrative Gebrauch des Fahrrads wird dort leicht, wo
man sich innerstädtisches Wohnen nah an den für den täglichen Gebrauch notwendigen
kleinteiligen Versorgungsstrukturen leisten kann; und die Präferenz für gesunde Öko-Kost
(und damit einhergehend der Verzicht auf die Discounter) ist der Lebensstil eines Milieus, die
dafür auch das notwendige Kleingeld hat. Schwachstellen zeigen sich auch an anderer Stelle
in der grünen Lebensweise: Zwar wird die Gleichberechtigung alternativer
Lebenspartnerschaften gefordert, aber von einer Familienpartei sind die Grünen weit
entfernt.
Sieht man sich die Hochburgen der Grünen einmal etwas genauer an fällt auf, dass diese (das
Frankfurt Nordend ist dafür ein typisches Beispiel) schon beinahe durch eine
Selbstsegregation gekennzeichnet sind. Mikromilieus entstehen rund um renovierte
Altbauten, ausgebauten Fahrradwegen, den kleinen Tanta-Emma-Läden um die Ecke und
den Straßencafés, in denen sich die neue leisure-class politisch korrekt bei alternativer Kost
und Bionade trifft. Höhepunkt sind dann die Bemühungen, die erfolgreich gentrifizierte
Nachbarschaft gegen den Zuzug unerwünschter sozialer Schichten abzuschotten. Bei der
Armut hört der Spaß eben auf, vor allem im eigenen Stadtteil.
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Die Wertvergessenheit der Grünen fällt auf, wenn man ihre Positionen genauer untersucht.
Schutz des Lebens – aber nicht des ungeborenen; hier drängt sich der Verdacht auf, dass
jeder Molch und Lurch geschützt wird, aber die Verfügbarkeit des ungeborenen
menschlichen Lebens einer lifestyle-Entscheidung unterliegt. Dieses unausgewogene
Verhältnis macht sich auch in anderen Bereichen bemerkbar. Umgehungsstraßen etwa zur
Entlastung von Anwohner werden regelmäßig verhindert unter Berufung auf den
Naturschutz; industrielle Ansiedlungsentscheidungen behindert oder erschwert, wenn
schützenswerte Interessen von Flora oder Fauna tangiert werden, ganz so, als sei das
Interesse einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, vollständig nachrangig. Die Grünen sind in
der industriellen Gesellschaft und ihren Konsequenzen nie angekommen. Wie könnten sie
auch, wo doch ihre Mitglieder und Wähler aus dem sicheren Unterstand des öffentlichen
Dienstes Bedingungen industrieller Arbeit nur vom Hörensagen kennen – aber gleichzeitig
von der Wertschöpfung dieser Arbeit profitieren. Das Ideal der Grünen ist die ausgebaute
Dienstleistungsgesellschaft, die sich vom Kern ihrer materiellen (industriellen) Produktion
verabschiedet hat.
Das macht sich auch im politischen Alltag fest. Für die materielle Basis der Gesellschaft
(Arbeit, Sicherheit, Wohlstand) scheint in einer eigentümlichen Arbeitsteilung die Union
verantwortlich, während sich die Grünen den Politikthemen der Saturiertheit annehmen:
Kultur, Umwelt, Bildung, alternative Lebensstile. Die schwierigen und kontroversen Fragen
landen bei der Union, die Wohlfühlthemen bei den Grünen. Die einen sind für die materielle
Basis zuständig, die anderen für die postmateriellen Lebensstile – eine solche Arbeitsteilung
kann auf Dauer nicht funktionieren. Exemplarisch mach sich dies in Frankfurt an der Frage
des Braunkohlestaubkraftwerkes in Industriepark in Fechenheim fest. Mit der Umsetzung
der Energiewende sind wir in Deutschland auf andere Möglichkeiten der Energiegewinnung
verstärkt angewiesen, auch um den Industriestandort zu sichern – Grün aber opponiert, weil
hier ein Generalverdacht gegen industrielle Produktion insgesamt besteht.
Wenig durchdacht auch die Positionen der Grünen in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik.
Hier lässt sich die Generallinie der Grünen (die Arbeit im Deutschen Bundestag führt dies
immer wieder vor) nur noch als paternalistische Sozialpolitik der Arrivierten kennzeichnen.
Weil sie die Bedingungen prekärer Einkommen aus ihrer Mitgliederschaft und Klientel kaum
kennen, ist der erste Reflex der der Umverteilung. Dabei spielt weder ein realistisches
Menschenbild eine Rolle noch Strategien der Subsidiarität oder der Hilfe zur Selbsthilfe.
Soziale Probleme sind die Peinlichkeiten im Lebensstil arrivierter Bürgerlichkeit, es sei denn,
sie taugen als Kulisse für ein demonstrativ zur Schau gestelltes Gutmenschentum. Alles
andere wird mit dem Heftpflaster zusätzlicher Ausgaben überklebt.
Was also tun als Union?
Die Union sollte im Umgang mit den Grünen
- stärker grundsätzlich aus dem Menschenbild heraus diskutieren und die Beliebigkeit
der grünen Grundorientierung deutlich machen;
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- sich als Anwalt der „kleinen Leute“ und nicht als Konkurrenz um die Stimmen der
Bionadebourgeoisie verstehen;
- deutlich machen, dass der Überschuss, den die Grünen so gerne in ihre lifestyle
Projekte stecken, von Menschen im Handwerk und der industriellen Produktion
erarbeitet wird;
- deutlich machen, dass es diesen lifestyle ohne Sicherheit und Ordnung, ohne
wirtschaftliches Wachstum nicht gibt;
- sich von dem lifestyle deutlich abgrenzen: Die Union ist nicht die Partei der Events,
Feste und Festivals, der Clubs und Partys, sondern die Partei, die aus der Mitte der
Gesellschaft heraus die Gesellschaft prägen will;
- Maßnahmen offensiv befördern, die dem Wachstum und der Wirtschaft dienen (und
dort, wo die Union zusammen mit den Grünen regiert, diese auch in die
Mitverantwortung nehmen);
- der Ideologie des Zurück zur Natur eine deutliche Abfuhr erteilen – auch mit Hinweis
auf die zivilisatorischen Wirkungen von technischem Fortschritt;
- sich stärker als Partei mit eigenständigem Profil profilieren – nicht zuletzt diesem
wahrgenommenen Mangel verdanken wir viele Abwanderer ins Lager der
Nichtwähler;
- die Grünen als Luxusphänomen thematisieren;
- sich in anderer und neuer Weise der jungen Generation öffnen, vor allem aber den
Nichtakademikern eine Heimat bieten;
- den öffentlichen Diskurs offensiv führen und auch vor Konfrontationen (selbst in
einer Koalition) nicht zurück schrecken.
Die Union muss, gerade in der Stadt, aus dem Turm der Akademiker heraus und stärker
diejenigen als Wähler und Mitglieder ansprechen, die nicht aus dem akademischen Milieu
kommen: Handwerker, kleine Gewerbetreibende, aber auch Facharbeiter, Arbeitnehmer. Sie
muss sich für die Erfahrungen der Betriebs- und Personalräte, auch der Gewerkschaften
öffnen, denn mitten im Leben zu sein (so einer der Kernaussagen der Union) bedeutet, in
einer Arbeitsgesellschaft zu sein. Sie muss sicherlich auch die Bedürfnisse einer kulturellen
Oberschicht in der Stadtgesellschaft bedienen, aber die Verkürzung darauf würde sie ihres
Charakters als Volkspartei berauben – erschwerend kommt hinzu, dass gerade in dieser
Klientel grüne Neigungen zum gepflegten lifestyle gehören. Die Union muss mitten im Leben
und am Puls der Menschen sein – aber nicht am Puls der selbst ernannten Avantgarde von
Postmaterialisten, deren Zugang zu den Diskursen der bürgerlichen Öffentlichkeit in keinem
Verhältnis zu ihrer wirklichen gesamtgesellschaftlichen Bedeutung steht.
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Über den Umgang der CDU mit den Grünen
Thesenpapier von Dr. Matthias Zimmer MdB
In der CDU bricht, gerade was das Verhältnis zu den Grünen angeht, periodisch eine Debatte
auf, ob man sich den Grünen nicht zu sehr angenähert habe und mehr die Differenzen
betonen müsse oder ob der Erfolg der CDU gerade darin liege, „grüner“ zu werden und
durch eine freundliche Umarmung grüne Wählerschichten zu gewinnen. Beide
Argumentationslinien scheinen mir zu kurz gegriffen.
Die Grünen sind eine bürgerliche Partei des postmateriellen Lebensmilieus. Die Mitglieder
und Wähler der Grünen haben einen überdurchschnittlichen Bildungsabschluss und
verdienen im Schnitt mehr als die Mitglieder und Wähler der FDP. Sie sind
überdurchschnittlich stark im öffentlichen Dienst vertreten; dies erklärt ihre guten
Wahlergebnisse vor allem in den Städten, in denen öffentliche Dienstleistungen stark
vertreten sind. Die Grünen sind also eine Partei der Satten, Saturierten und Abgesicherten,
die sich einen Lebensstil leisten können, der vorrangig auf Fragen des „guten Lebens“
abzielt: Authentizität, Selbstverwirklichung, kulturelle Reichhaltigkeit, unbedingter Schutz
der Natur und der Lebenswelt.
Aus der Wahlforschung wissen wir, dass die Wanderbewegung zwischen CDU und Grünen
sich in sehr engen Grenzen halten. Eine Strategie, grünes Klientel an die CDU zu binden,
erscheint daher nicht sinnvoll. In der letzten Bundestagswahl bestand das größte
Wechselvolumen zwischen der Union und der FDP bzw. dem Nichtwählerlager, langfristig
auch mit der SPD. Zwischen der Union einerseits und den Grünen sowie den Linken
andererseits ist das Volumen der Austauschbewegung sehr begrenzt. Das bedeutet aber
gleichzeitig, dass CDU und Grüne um unterschiedliche Wählerschichten konkurrieren. Es
macht also keinen Sinn, sich auf das „grüne Spiel“ einzulassen in der Hoffnung, damit
Wählerstimmen ziehen zu können. Die CDU sollte Themen wie etwa die Ökologie aus ihrem
eigenen Menschen- und Weltbild heraus formulieren (etwa: Bewahrung der Schöpfung) und
sich dadurch in der Begründung ähnlicher Anliegen von den Grünen absetzen (und damit
möglicherweise wieder Nichtwähler für sich mobilisieren zu können).
Darüber hinaus sollte die Union sich stärker auf ihre grundwertebezogene Politikbasis
besinnen. Eine der großen Schwächen der Grünen ist das Fehlen eines in sich konsistenten
Menschen- und Weltbildes. Der politische Liberalismus, die Sozialdemokratie und die
Christliche Demokratie sind Ideen, die im 19. Jahrhundert sich formiert haben. Ihnen steht
ein voll ausgebautes Instrumentarium zu Gebote, das Auskunft über Werthorizonte zu geben
vermag und damit auch zur Berechenbarkeit politischen Handelns. Den Grünen fehlt dieser
Werthorizont. Sie sind keine im Grundsätzlichen verwurzelte Partei, sondern tragen immer
2
noch das Geburtsmal der Opposition und des Protestes in sich. Im Regierungsfall werden
dann ganz pragmatisch scheinbar eherne Überzeugungen geopfert. Pragmatischer
Opportunismus geriert sich dann als staatsmännische Weisheit. Die einstmals pazifistische
Partei zieht dann 1999 unter ihrem Außenminister Fischer im Kosovo in einen völkerrechtlich
bedenklichen Krieg, dem es an der Legitimierung durch die Vereinten Nationen fehlt. Castor-
Transporte sind, unter einem grünen Umweltminister Trittin, von grundsätzlich andere
Qualität und dürfen nicht durch Sitzblockaden verhindert werden. Oder, in einer besonderen
Form der Dialektik, werden auf Bundesebene genau jene alternativen Energieprojekte
gefordert, die vor Ort von der gleichen Partei verhindert werden.
Im Ursprung haben die Grünen sich gespeist aus diffuser Technikkritik, romantischer
Naturmystik und einer Opposition gegen Aspekte der industriellen Moderne. Sie haben eine
Position im politischen Systems besetzt die damals von den etablierten Parteien durch zu
viel Technikgläubigkeit und eine Ideologie des Machbaren verwaist war. Ein Teil der Kritik
der Grünen hätte durch ein „hörendes Herz“ in der Union abgefangen werden können;
gerade die Warnungen vor der Zerstörung der Erde durch die Raubbau treibende Form
industrieller Produktion, wie sie etwa Herbert Gruhl vorgetragen hat, sind heute in der
Union anschlussfähig. Die Grünen wurden unter den Generalverdacht des Abschieds aus der
industriellen Moderne gestellt und damit die positiven Denkansätze mit diskreditiert.
Mittlerweile ist aus der Opposition der Grünen ein eigener Lebensstil geworden. Auf der
Basis geregelter und gesättigter Lebensentwürfe wird die grüne Lebensweise zu einem
Luxuslifestyle. Der Verzicht wird gepredigt auf dem Niveau der Sättigung, der alternative
Lebensstil praktiziert auf dem von anderen produzierten Sozialprodukt. So fällt der Verzicht
auf Motorisierung dort leicht wo es eine gut ausgebaute Infrastruktur des öffentlichen
Personennahverkehrs gibt; der demonstrative Gebrauch des Fahrrads wird dort leicht, wo
man sich innerstädtisches Wohnen nah an den für den täglichen Gebrauch notwendigen
kleinteiligen Versorgungsstrukturen leisten kann; und die Präferenz für gesunde Öko-Kost
(und damit einhergehend der Verzicht auf die Discounter) ist der Lebensstil eines Milieus, die
dafür auch das notwendige Kleingeld hat. Schwachstellen zeigen sich auch an anderer Stelle
in der grünen Lebensweise: Zwar wird die Gleichberechtigung alternativer
Lebenspartnerschaften gefordert, aber von einer Familienpartei sind die Grünen weit
entfernt.
Sieht man sich die Hochburgen der Grünen einmal etwas genauer an fällt auf, dass diese (das
Frankfurt Nordend ist dafür ein typisches Beispiel) schon beinahe durch eine
Selbstsegregation gekennzeichnet sind. Mikromilieus entstehen rund um renovierte
Altbauten, ausgebauten Fahrradwegen, den kleinen Tanta-Emma-Läden um die Ecke und
den Straßencafés, in denen sich die neue leisure-class politisch korrekt bei alternativer Kost
und Bionade trifft. Höhepunkt sind dann die Bemühungen, die erfolgreich gentrifizierte
Nachbarschaft gegen den Zuzug unerwünschter sozialer Schichten abzuschotten. Bei der
Armut hört der Spaß eben auf, vor allem im eigenen Stadtteil.
3
Die Wertvergessenheit der Grünen fällt auf, wenn man ihre Positionen genauer untersucht.
Schutz des Lebens – aber nicht des ungeborenen; hier drängt sich der Verdacht auf, dass
jeder Molch und Lurch geschützt wird, aber die Verfügbarkeit des ungeborenen
menschlichen Lebens einer lifestyle-Entscheidung unterliegt. Dieses unausgewogene
Verhältnis macht sich auch in anderen Bereichen bemerkbar. Umgehungsstraßen etwa zur
Entlastung von Anwohner werden regelmäßig verhindert unter Berufung auf den
Naturschutz; industrielle Ansiedlungsentscheidungen behindert oder erschwert, wenn
schützenswerte Interessen von Flora oder Fauna tangiert werden, ganz so, als sei das
Interesse einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, vollständig nachrangig. Die Grünen sind in
der industriellen Gesellschaft und ihren Konsequenzen nie angekommen. Wie könnten sie
auch, wo doch ihre Mitglieder und Wähler aus dem sicheren Unterstand des öffentlichen
Dienstes Bedingungen industrieller Arbeit nur vom Hörensagen kennen – aber gleichzeitig
von der Wertschöpfung dieser Arbeit profitieren. Das Ideal der Grünen ist die ausgebaute
Dienstleistungsgesellschaft, die sich vom Kern ihrer materiellen (industriellen) Produktion
verabschiedet hat.
Das macht sich auch im politischen Alltag fest. Für die materielle Basis der Gesellschaft
(Arbeit, Sicherheit, Wohlstand) scheint in einer eigentümlichen Arbeitsteilung die Union
verantwortlich, während sich die Grünen den Politikthemen der Saturiertheit annehmen:
Kultur, Umwelt, Bildung, alternative Lebensstile. Die schwierigen und kontroversen Fragen
landen bei der Union, die Wohlfühlthemen bei den Grünen. Die einen sind für die materielle
Basis zuständig, die anderen für die postmateriellen Lebensstile – eine solche Arbeitsteilung
kann auf Dauer nicht funktionieren. Exemplarisch mach sich dies in Frankfurt an der Frage
des Braunkohlestaubkraftwerkes in Industriepark in Fechenheim fest. Mit der Umsetzung
der Energiewende sind wir in Deutschland auf andere Möglichkeiten der Energiegewinnung
verstärkt angewiesen, auch um den Industriestandort zu sichern – Grün aber opponiert, weil
hier ein Generalverdacht gegen industrielle Produktion insgesamt besteht.
Wenig durchdacht auch die Positionen der Grünen in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik.
Hier lässt sich die Generallinie der Grünen (die Arbeit im Deutschen Bundestag führt dies
immer wieder vor) nur noch als paternalistische Sozialpolitik der Arrivierten kennzeichnen.
Weil sie die Bedingungen prekärer Einkommen aus ihrer Mitgliederschaft und Klientel kaum
kennen, ist der erste Reflex der der Umverteilung. Dabei spielt weder ein realistisches
Menschenbild eine Rolle noch Strategien der Subsidiarität oder der Hilfe zur Selbsthilfe.
Soziale Probleme sind die Peinlichkeiten im Lebensstil arrivierter Bürgerlichkeit, es sei denn,
sie taugen als Kulisse für ein demonstrativ zur Schau gestelltes Gutmenschentum. Alles
andere wird mit dem Heftpflaster zusätzlicher Ausgaben überklebt.
Was also tun als Union?
Die Union sollte im Umgang mit den Grünen
- stärker grundsätzlich aus dem Menschenbild heraus diskutieren und die Beliebigkeit
der grünen Grundorientierung deutlich machen;
4
- sich als Anwalt der „kleinen Leute“ und nicht als Konkurrenz um die Stimmen der
Bionadebourgeoisie verstehen;
- deutlich machen, dass der Überschuss, den die Grünen so gerne in ihre lifestyle
Projekte stecken, von Menschen im Handwerk und der industriellen Produktion
erarbeitet wird;
- deutlich machen, dass es diesen lifestyle ohne Sicherheit und Ordnung, ohne
wirtschaftliches Wachstum nicht gibt;
- sich von dem lifestyle deutlich abgrenzen: Die Union ist nicht die Partei der Events,
Feste und Festivals, der Clubs und Partys, sondern die Partei, die aus der Mitte der
Gesellschaft heraus die Gesellschaft prägen will;
- Maßnahmen offensiv befördern, die dem Wachstum und der Wirtschaft dienen (und
dort, wo die Union zusammen mit den Grünen regiert, diese auch in die
Mitverantwortung nehmen);
- der Ideologie des Zurück zur Natur eine deutliche Abfuhr erteilen – auch mit Hinweis
auf die zivilisatorischen Wirkungen von technischem Fortschritt;
- sich stärker als Partei mit eigenständigem Profil profilieren – nicht zuletzt diesem
wahrgenommenen Mangel verdanken wir viele Abwanderer ins Lager der
Nichtwähler;
- die Grünen als Luxusphänomen thematisieren;
- sich in anderer und neuer Weise der jungen Generation öffnen, vor allem aber den
Nichtakademikern eine Heimat bieten;
- den öffentlichen Diskurs offensiv führen und auch vor Konfrontationen (selbst in
einer Koalition) nicht zurück schrecken.
Die Union muss, gerade in der Stadt, aus dem Turm der Akademiker heraus und stärker
diejenigen als Wähler und Mitglieder ansprechen, die nicht aus dem akademischen Milieu
kommen: Handwerker, kleine Gewerbetreibende, aber auch Facharbeiter, Arbeitnehmer. Sie
muss sich für die Erfahrungen der Betriebs- und Personalräte, auch der Gewerkschaften
öffnen, denn mitten im Leben zu sein (so einer der Kernaussagen der Union) bedeutet, in
einer Arbeitsgesellschaft zu sein. Sie muss sicherlich auch die Bedürfnisse einer kulturellen
Oberschicht in der Stadtgesellschaft bedienen, aber die Verkürzung darauf würde sie ihres
Charakters als Volkspartei berauben – erschwerend kommt hinzu, dass gerade in dieser
Klientel grüne Neigungen zum gepflegten lifestyle gehören. Die Union muss mitten im Leben
und am Puls der Menschen sein – aber nicht am Puls der selbst ernannten Avantgarde von
Postmaterialisten, deren Zugang zu den Diskursen der bürgerlichen Öffentlichkeit in keinem
Verhältnis zu ihrer wirklichen gesamtgesellschaftlichen Bedeutung steht.